Namibia 2015
Ein 30jähriger Treck nach Südwest erreicht sein Ziel
    
Mitte der 80er Jahre spielten sie Wild-West-Romantik in der DDR.
Unter dem entsprechenden Misstrauen des Regimes und den damit zunehmenden Problemen im täglichen Leben.
Also reifte der Plan Nägel mit Köpfen zu machen und seinen Lebensmittelpunkt in den Westen zu verlegen.
Ein Ansinnen, das bei den lokalen Behörden weitere Notizen in diversen Akten nach sich zog.
  

    
Den Mauerfall 1989 erlebten sie - ungläubig wie die meisten - noch im Osten.
 
   
  
Die Habseligkeiten waren schon gepackt, Haus und Hof - nun viel zu billig - verkauft,  schon an den Mann gebracht.
Der Treck setzte sich mit Kind und Kegel in Bewegung. Vorerst Richtung Bayern, also erstmals  Richtung Südwest.
   
Hier hielt es sie nicht lange.
Der "Wilde Westen" war nicht mehr verlockend.
Südwest blieb die erklärte Richtung.
Die Familie setzte sich im Landrover in Bewegung.
Über Ostafrika und viele Hindernisse, die Reisenden nun einmal begegnen, kam man nach Namibia.
Ehemals Deutsch-Südwest.
 
    
Langsam aber stetig wurde die neue, selbständige Existenz in einer kleinen Provinzstadt aufgebaut. Der Pool ist gefüllt. Die eigenen Pferde grasen für der Türe.
Aber das war am Ende doch nicht die Erfüllung des Lebenstraumes.
 
  
Mit zunehmender Etablierung in einem  Business, das den eigenen Vorstellungen vom Leben immer weniger entsprach reifte der Plan zum finalen Schritt.
Die Kinder waren flügge und aus dem Haus. Kleine und größere Probleme aller Art trieben die Idee voran.
Eine eigene - oder zumindest gepachtete - Farm im outback wurde bald gefunden.
Nahe Schloß Duwisib. Und nahe (nur 120 km) der mittlerweile am Rand der Wüste Namib ansässigen Tochter.
 
  
Hier sollen die Pferde der Farm Duwisib aufgezogen, kultiviert, trainiert und für den Verkauf vorbereitet werden.
Die Aufgabe schien auf den ersten Blick verlockend und einfach.
Auf 8000 ha teils gebirgigem Terrain lief eine Gruppe verwilderter Pferde, die es als erstes zu finden und im Anschluss zu domestizieren galt.
Vorhanden war ein halbfertiges Haus und ein Brunnen mit Windrad.
Kein Strom, kein Telefon, keine Funkverbindungen.
Und der Nachbar 25 km entfernt.
  
 
 
  
Die Übersiedlung war die erste logistische Herausforderung.
Ein kompletter Haushalt samt großer Werkstatt sollte über eine Distanz von 800 km von A nach B gebracht werden.
Auf teils abenteuerlichen Verkehrswegen.
Zwei bis unters Dach angefüllte Container wurden per LKW verbracht.
Der Rest wurde bei mehreren Versorgungsfahrten mit Landrover und schwerem Anhänger Zug um Zug transportiert. Notwendige Fahrten für den Einkauf fürs tägliche Leben. Zumindest einmal monatlich reist man ins 650 km entfernte "Dorf" wie die Einheimischen ihre Hauptstadt Windhoek liebevoll nennen. Da werden nach immer wieder auftretendem, kurzem Kulturschock an zwei Tagen neben Großeinkäufen in diversen Supermärkten auch gleich Arztbesuche, Bankgeschäfte und Botendienste für Nachbarn aus der Prärie erledigt. Übernachtet wird bei Freunden in der Stadt. Hier aber gegen diverse unerwünschte Besucher gut gesichert. Am abendlichen Grill erfährt man dann neben den news des letzten Monats aus der großen weiten Welt natürlich auch den neuesten Tratsch. Wie in jedem Dorf.
    
 
  
So richtete man sich ein. Baustellen wohin das Auge blickte.
Das halbfertige Haus von Wüstenstürmen umtost. Die Pferde irgendwo, aber jedenfalls nicht an Menschen gewöhnt. Lokale Hilfsarbeiter, die den Namen nicht  verdienten, waren mal da, mal über Nacht auch wieder weg. Sie brauchten eher Hilfe als dass sie eine waren. Die "hardware" fürs täglich Leben ebenfalls eine einzige reparaturbedürftige Baustelle.
Die Idylle rund um John Wayne schaute anders aus. Aber zumindest drohten keine Überfälle von Indianern aus dem Hinterhalt.
  
Belohnt wird man dann allerdings von einer Natur, wie sie der Europäer nicht mehr kennt.
Nicht unbedingt die big five der Safariurlauber sind hier das Erlebnis. Aber der Blick für die Kleinen und Unbekannten wird geschärft.
  
 
  
Hier ist die Natur der Star. Die totale Einsamkeit unter einem grenzenlosen Horizont.
Und man hat sie jeden Tag und genießt sie jeden Abend auf der Terrasse mit dem Kaffeehäferl in der Hand.
Der Preis ist allerdings für den Durchschnittstouristen unbezahlbar.
Das Paradies auf Dauer für den Wohlstandsverwahrlosten nicht mehr lebbar.
Nicht finanziell, aber wegen der  Abstriche, die er von seinem gewohnten, in Watte gepacktem Leben machen muss.
  
 
 
 
  
Die Bilder sind toll. Wie im Prospekt des Reisebüros nebenan.
Das Leben ist hier allerdings beinahe so hart wie einst im Wilden Westen.

30 Jahre nach dem Aufbruch in der DDR ist der Treck im Südwesten angekommen.
Die Arbeit beginnt erst.
     
  
Nach einer Tasse (instant)coffee.
  
Denn hier hat man die Zeit. Die Europäer haben nur die Uhr.
   
    
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Update ein Jahr später (Februar 2016)
  
  
Aus einer steinigen Fläche ist eine sandige Arena (Viereck) von 30 x 50 Metern geworden, stabil eingezäunt und planiert.
Alle Pfähle sind ausgediente, geteerte ehemalige Strom- oder Telefonmasten.
Die Fundamente sind allesamt handgegraben ohne großes Werkzeug.
  
      
Neben der Arena gibt es jetzt auch gleich Paddocks für die, die von der "Weide" geholt worden sind und für das Training vorbereitet werden.
Vorbereiten heißt, dass man sie einmal an den Menschen in der direkten Umgebung gewöhnt um später relativ gefahrlos einen Sattel auflegen zu können.
Und ein stabil gezäunter Kral an der Wasserstelle.
  
       
   
Hier müssen alle herkommen, wenn sie nicht den zweiten Brunnen 20 km entfernt vorziehen.
Somit kann man hier  mit etwas Geduld alle Pferde über kurz oder lang zumindest optisch kontrollieren.
Für diverse medizinische Grundversorgungen - Tollwut ist weit verbreitet und es muss daher regelmäßig geimpft werden - sind sie leichter einzufangen wenn man hinter ihnen das Gatter schließt während sie am Wasser stehen.
Der Tierarzt kommt einmal monatlich auf seiner Tour aus dem 650 km entfernten Windhoek vorbei, bringt Medikamente und versorgte größere Probleme.
Das endgültige Einfangen für solche Behandlungen bedarf dann erneut einiger Geduld und Erfahrung.
Diese Wasserstellen müssen sie aber in jedem Fall mit den Ortsansässigen teilen.
   


Und zuletzt kehrt auch im Farmhaus bereits eine gemütliche, wohnliche Atmosphäre ein nachdem man wochen- und monatelang jeglichen Hausrat in Kisten und Schachteln
in den Containern gesucht hat und dann provisorisch im Haus verteilt gelagert hat.
Strom gibt es rationiert über eine Solaranlage. Eine Telefonverbindung wurde über ein kompliziertes Spiegel-Funksystem über zig Kilometer eingerichtet.
Auch das defekte Windrad am 80 Meter tiefen Brunnen ist durch eine Solarpumpe ersetzt.
Und Warmwasser gab es von Anfang an, weil die Wasserleitung vom Tank zum Haus oberirdisch von der Sonne geheizt wird.
Um angenehm zu duschen muss man nur schnell sein, weil für den Letzten bleibt dann nur noch echt frisches, kühles Nass.
Langsam kehrt also so etwas wie Gemütlichkeit und Routine ein.
 
Die Arbeit ist grenzenlos wie der Horizont.
 
 

     
  
Etwas von diesem weiten Horizont könnte so manchem unter uns auch nicht schaden.
Der Blick über den eigenen Tellerrand braucht anfangs vielleicht etwas Mut, kann dann möglicherweise auch verwundern oder sogar erschrecken -
aber bildet in jedem Fall mehr als alles andere und wäre dringend jedem zu empfehlen.

      
  
mehr Fotos zu Namibia unter: naIndex.html
 
 Dr. Friedrich Wollinger
office@wollinger.at
   
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