Birma - Burma - Myanmar

drei Namen für ein Land, das sich nach 50 Jahren Diktatur in die Moderne aufmacht

         

    

gewidmet unserer Freundschaft, die über politische und kulturelle Grenzen,

sowie 8000 km Entfernung seit 30 Jahren besteht

(Bilder teilweise aus 1985 -> schwache Bildqualität - sorry)

    

(geschrieben 2011, aktualisiert November 2014)

Unter englischer Verwaltung bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts stand auf den Karten Birma. Burma war ebenfalls gebräuchlich. Das deswegen, weil die Engländer allgemein ein Problem mit der richtigen Aussprache der Landessprache hatten. Das zeigt sich auch in vielen anderen Ortsnamen, die von den Briten mangels Verstehens falsch ausgesprochen und demzufolge auch falsch geschrieben worden sind. Das führt bis heute manchmal zu gewisser Verwirrung, wenn man sich nach dem Weg erkundigt. Nicht nur, dass es meist zwei oder mehr Namen für ein und denselben Ort gibt, haben auch wir ein massives Problem mit der richtigen Aussprache der Vokale.

Die Generäle bestimmten dann, dass der alte, aus dem 11. Jahrhundert stammende Name Myanmar zu gelten habe. Eigentlich nannten sie ihr Land Pyidaungsu Thamada Myanmar Naing-Ngan-Daw (Union Myanmar). International hat sich nun Myanmar durchgesetzt.

Heute ist Myanmar im Umbruch. 2011 zogen die Generäle offiziell ihre Uniformen aus und kandidierten als Zivilpersonen für die anstehenden Parlamentswahlen. Und sie haben sich da auch noch eine neuen Verfassung gegeben in der sie sich 25% der Sitze auf jeden Fall gesichert haben. Eventuell kriminelle Handlungen aus der Vergangenheit dürfen nicht gerichtlich verfolgt werden. Der Präsident wird vom Militär bestimmt. Vor allem aber kann diese neue Verfassung nur mit mehr als 75% der Stimmen des Parlaments geändert werden. Also nicht ohne Zustimmung der alten Machthaber. Diese Verfassung ist heute in Diskussion vor allem bei den Oppositionsparteien. Eine Kommission soll Änderungen bis zu den Wahlen 2015 ausarbeiten. Darin ist die Opposition aber mit 2 gegen 25 Stimmen mehr als unterrepräsentiert und dementsprechend machtlos. Änderung der Verfassung zu allgemeinen demokratischen Grundregeln ohne Privilegien für Militärs und Oligarchen werden nur schwer durchsetzbar sein - vermutet man.

Der Name Myanmar entspricht den vielen verschiedenen Volksgruppen mit unterschiedlichen Sprachen besser als das koloniale Burma, das sich nur auf die im Zentrum lebenden Birmanen bezogen hat. Das Land ist nach der Kolonialzeit aus vielen selbständigen ethnischen Regionen vereint worden. Die verschiedenen Ethnien haben sich per Vertrag für 10 Jahre zum Einheitsstaat bekannt. Danach wurde ihnen Selbständigkeit zugesichert. Als es dazu kommen sollte übernahm das Militär die Macht. Der ursprüngliche Vertrag wurde gekündigt, nicht kooperationswillige Stammesleader 1962 entmachtet. Im Roman "Twylight over Burma" (Dämmerung über Burma) wird die Geschichte von einer Österreicherin, die damals mit einem Shan.Prinzen verheiratet war und nun in den USA lebt eindrucksvoll geschildert. 50 Jahre Militärherrschaft folgten. Die Volksstämme der rohstoffreichen Stämme im Norden, Osten und Süden kämpfen bis heute einen Bürgerkrieg gegen die Zentralregierung um ihre Rechte an ihrem Land durchzusetzen. 

Die Zeiten scheinen sich schneller als erwartet zu ändern - und vielleicht auch schneller als es dem Land gut tut.

Der Umbruch ist allgegenwärtig. Altes und Neues sorgen für Hoffnung und Sorge gleichermaßen. Alten militärische Bande mit China werden durch gegenseitige Besuche hochrangiger Militärs beschworen. Gleichzeitig reist ein General nach Moskau um da eine Flugzeugfabrik zu besichtigen und neue Maschinen zu ordern. Und Obama versichert dem Land große militärische Hilfe und Eingliederung in den südostasiatischen Militärbund. Die EU, Australien, Singapur und Japan buhlen wirtschaftlich um die Gunst durch den Erlass alter Millionenschulden. Großbritannien als ehemalige Kolonialmacht verlangt für sich einen speziellen Status gegenüber den anderen Wirtschaftsmächten.

Die Pressezensur wird formal aufgehoben. Oppositionszeitungen, die bisher im Ausland erschienen sind, eröffnen Büros in Rangoon. Internationale westliche Zeitungen wie die New York Times oder der Herald Tribune erscheinen in einheimischen Ausgaben. Verfasst und gedruckt im Land. Journalisten, die unliebsame Artikel verfassen werden aber nach wie vor vom Apparat zumindest intensiv befragt. Das kann schon auch einige Tage in staatlichen Unterkünften mit Vollpension ohne Haubenküche dauern. In letzter Zeit wurden auch wieder einige unliebsame Druckwerke verboten bzw die Redaktionen geschlossen. Gleichzeitig bestehen weiter die alten Gesetze nach denen jeder jederzeit mit hohen Gefängnisstrafen rechnen muss, der unerwünschte Daten besonders im Internet veröffentlicht. Oppositionelle wurden in größerer Zahl frei gelassen. Ihre jahrzehntelangen Haftstrafen aber nicht getilgt. Beim kleinsten Vergehen werden die ausgesetzten Strafen wieder aktiviert. So kann man die Aktivisten auch in Freiheit mehr oder weniger unter Kontrolle halten. Und ihnen Versammlungen und Parteigründungen schwer machen. Man beteuert zwar von offizieller Seite, dass man die Rechtsgrundlagen ändern werde, aber auch hier sind die Forderungen nach Änderung der Verfassung noch nicht umgesetzt. Und immer noch gibt es entgegen den Beteuerungen der Regierung gegenüber dem Westen politische Gefangene. Sie sollen aber wegen anderer krimineller Aktivitäten einsitzen. Der Machtkampf zwischen Alt und Neu wogt unvermindert hin und her.

Man traut sich nicht über den Weg. Auf der einen Seite bekommt ein Oppositioneller, der seit 1988 in Haft gesessen ist vom Präsidenten und früheren Militärmachthaber öffentlichkeitswirksam ein Hochzeitsgeschenk. Andererseits beharrt die Vertretung der Militärs bei Friedensgesprächen mit den Rebellenarmeen der um ihr Recht kämpfenden Völker darauf, dass diese sich ins Militär und untere ihre Führung integrieren. Und vor allem wird gefordert, dass die umstrittene Verfassung, die ihnen die unumschränkte Kontrolle des Parlaments erlaubt unangetastet bleibt. De facto würde das die Kapitulation der seit 50 Jahren kämpfenden Völker bedeuten. Zu groß sind die auf der Erfahrung der letzten Jahrzehnte beruhenden Befürchtungen, dass die Herren nur das Gewand, aber nicht die Gesinnung geändert haben. Und dass der Westen für den Preis des wirtschaftlichen Einstiegs in den 40 Millionen Menschen umfassenden Markt auf diesem Auge blind bleibt.

In der Zwischenzeit knüpfen die alten Kader neue Wirtschaftsbande mit dem Westen. Die ländliche Bevölkerung beklagt immer öfter, dass Militärs mit mehr oder weniger offener Gewalt Land für eigene Zwecke requirieren. Oder auch ehemals beschlagnahmtes Land nicht retournieren. Bauern, die allzu heftig protestieren drohen nach wie vor langjährige Haftstrafen. Der Rückzug von Militär und Polizei beschränkt sich offenbar vorläufig auch nur auf die städtischen Bereiche. Am Land haben sie nach wie vor das Sagen. Hier ist die einfache Bevölkerung den Machtansprüchen schutzlos, weil ohne Wissen der Öffentlichkeit, ausgeliefert. Allgegenwärtige Straßenkontrollen können jederzeit zu unüberwindlichen Hindernissen werden.

Die politische Öffnung hat zu einem rasanten Wettlauf der internationalen Wirtschaft um die besten Startplätze in einem der letzten noch nicht aufgeteilten Märkte begonnen. Der einfache Bewohner wird dabei wohl immer öfter in Bedrängnis geraten. Besitzverhältnisse von Grund und Boden über Generationen tradiert sind nirgends dokumentiert. Genauso wenig sind diverse Gewerbetätigkeiten reglementiert. All das wird wohl auf dem Rücken der einfachen Bevölkerung zwischen den Familien der im Hintergrund immer noch Herrschenden und dem internationalen Kapital aufgeteilt werden. Die einfachen Bürger leben seit 50 Jahren in einer Diktatur. Haben da gelernt wie man mit seinem Schweigen am besten über die Runden kommt. Jetzt sollen sie sich am freien Markt durchsetzen. Wie das gehen soll wird man sehen.

Die USA biegen ihr Recht wie es gerade notwendig ist. Handel geht nur mit den offiziell immer noch auf einer schwarzen Liste geführten wenigen Superreichen des Landes. Nur sie haben die Verbindungen und das Know-how um ein Geschäft zum Laufen zu bringen. So werden sie, nachdem sie sich offiziell von ihrer Geschichte losgesagt haben von den Schwarzen Listen gestrichen und als ehrbare Geschäftspartner aufgenommen. Der gesamte Import/Export und die Energiewirtschaft sind aufgeteilt.

Gesellschaftskonstruktionen über andere asiatische Länder müssen das Bild bewahren. Man versucht verzweifelt geschichtlich nicht vorbelastete Handelspartner zu finden. In einem Land das seit 50 Jahren in einer Diktatur verharrt hat ein schwieriges Unterfangen. Waffen, Edelsteine und Energie wurden von einigen Familienclans im Verein mit den Militärs gehandelt. Nur sie können heute auf Grund ihrer internationalen Netzwerke und Erfahrungen die Wirtschaft in Gang bringen. Der Westen ist gezwungen, will er in den Markt von 40 Millionen eindringen, mit den alten Granden in der einen oder anderen Art zu kooperieren.

Wohl deshalb vermeldet auch die britische Handelskammer, dass zahlreiche Firmen und Konzerne zwar Interesse zeigen, aber der Situation nicht trauen und bis nach den nächsten Wahlen 2015 abwarten wollen. Allgegenwärtige Korruption, fehlende Grundlagen im Handels- und Grundstücksrecht, fehlende Bildung bei der lokalen Bevölkerung, insuffiziente Ressourcen für Produktion, Transport und Kommunikation und nicht zuletzt zahlreiche ungelöste, ethnische Konflikte im Norden, Süden und Osten des Landes sind genügend Gründe sich mit Investitionen zurückzuhalten gleichzeitig aber den Fuß in der Türe zu haben.

Zahlreiche Volksstämme melden nun öffentlich - nach jahrzehntelang geführten Guerillakriegen gegen die Zentralregierung - ihre Ansprüche auf selbständige Entscheidungsgewalt an. Entgegen offiziellen Meldungen halten die Kämpfe trotz Verhandlungen der Konfliktparteien mehr oder weniger unvermindert an. Die ersten Unbeliebten werden bereits aus dem Land getrieben. Die muslimische Minderheit der Rohingas im Nordwesten des Landes muss dem Druck Richtung Bangladesh weichen. Die UNO und die USA appellieren bereits in wortreichen Statements für Ruhe und Ordnung. Aber das mit 125 Millionen überbevölkerte und bettelarme Bangladesh ist alles andere als willens diese Menschen aufzunehmen.

       

Trotz seiner Größe ist dieses Land von vielen geographisch nicht genau einzuordnen. Das liegt sicher an der fast 50jährigen Isolation.  Mehr als doppelt so groß wie Deutschland mit der Hälfte der Einwohner grenzt Myanmar im Westen an Indien, im Norden an China und im Osten an Laos und Thailand. Der Indische Ozean mit dem Golf von Bengalen und der Andamanen See bildet im Süden und Westen den fast 2000km langen Sandstrand. Die Nord - Süderstreckung entspricht fast der ganzen Distanz vom Himalaya bis tief in den Süden Indiens. Klimatisch ist Myanmar vom Monsun abhängig. Warm und angenehm im Winter, heiß im Frühjahr und im Sommer eine Regenzeit mit Regenmengen, die bis zum Zehnfachen unseres Jahresniederschlages erreichen können. Der kaum zugängliche Norden reicht bis in die südlichen Ausläufer des Himalaya. Hier ist nichts mehr vom tropischen Klima zu bemerken. Natur pur, keine Straßen, nur Treppelwege entlang reißender Gebirgsströme verbinden Ansiedlungen, die mehr oder weniger noch im Mittelalter verharren. Der höchste Berg erreicht hier 5900 Meter und ist schneebedeckt. Für ganz Wagemutige werden erste Trekkingtouren angeboten. Einer der Oligarchen hat Gebiete schon mit dem Hubschrauber besucht um tourismustaugliche Destination zu finden. Bis dato haben die Menschen dort nicht einmal eine Straßenverbindung zur restlichen Welt. Dementsprechend reagierten sie auch auf den Hubschrauber. Der versagte ironischerweise aber dort seinen Dienst. Und die Gesellschaft musste unter primitivsten Bedingungen fast 2 Wochen auf Hilfe warten.

Myanmar ist ein Vielvölkerstaat. Nicht alle haben sich freiwillig dem Staatenbund angeschlossen. Bis heute gibt es besonders an den Grenzen und in den unzugänglichen Bergregionen kriegsähnliche Kämpfe und mehr oder weniger autonome Gebiete  verwaltet von privaten Armeen lokaler Stammesherren. Ein Relikt kolonialer britischer Herrschaft, die mit dem altbekannten "divide et impera" die diversen Volksstämme gegeneinander mobilisierte und so im Zentrum regieren konnte. Finanziert wird der Bürgerkrieg durch Edelholz-, Drogen- und Edelsteinschmuggel, die nach wie vor im Dschungel des Goldenen Dreiecks Thailand-Laos-Burma Haupteinnahmequelle sind. Manche meinen, dass postjugoslawische Verhältnisse das Land erschüttern und letztlich spalten könnten. Zu unterschiedlich sind ihre ethnischen und geografischen Wurzeln. Bis jetzt wurden die örtlichen Reichtümer zum Beispiel aus den Minen zur Gänze von der herrschenden Kaste abgezogen. Nun melden die ortsansässigen Stämme ihre Ansprüche auch mit Waffengewalt deutlich an. Der Großteil will nicht von Burma weg. Aber sie wollen ihre Rechte an ihrem Land  gewahrt wissen. 

Anfang 2012 wurde der bekannteste Oppositionsführerin Aung San Sue Kyi - sie verbrachte als Friedensnobelpreisträgerin mehr als 20 Jahre in Gefängnissen und unter Hausarrest - unter vorerst nicht näher bekannten Umständen die Möglichkeit einer aktiven Beteiligung am neuen Weg angeboten. Noch halten sich alle bedeckt, da wohl noch länger jede Entscheidung mit den Militärs im Hintergrund abgestimmt werden muss. Zu groß ist deren Angst vor einem neuen Volksaufstand. Zu groß ist aber auch die Angst der Bevölkerung vor Militär und allgegenwärtigem Geheimdienst. Sie gilt als Ikone für Freiheit und Menschrechte. Aber es verdichten sich auch die Stimmen, dass sie mangels Netzwerk im Hintergrund nicht im Stand sein wird die kommenden Wahlen zu gewinnen. Um Präsidentin zu werden müsste auch noch besagte Verfassung - sicher nicht mit großer Unterstützung der Herrschenden - geändert werden. Im nun beginnenden Wahlkampf für 2015 steht die Oppositionsführer unter starkem Druck. Immer wieder kommen Warnungen aus dem Regierungsumfeld Wahlveranstaltungen nicht zu Demonstrationen ausufern zu lassen. Zu groß ist die Angst der Militärs vor der Masse. Zu groß die Angst einem neuen Volksaufstand gegenüber zu stehen. Versammlungen bei Sue Kyis Reden sind eine ständige Gratwanderung einer möglichen Provokation der Militärs. Und die Lady (wie sie allgemein genannt wird) hält sich auch auffällig zurück in ihren politischen Statements

Mittlerweile könnte die Öffnung und der Fortschritt allerdings so weit gediehen sein, dass das Militär im Hintergrund bleiben muss. Manche meinen allerdings, dass die Öffnung Richtung Westen den nun verdeckt Regierenden ein Vielfaches ihrer früheren Einnahmen durch Korruption bringt. Problem ist, dass die Opposition über 50 Jahre unterdrückt war und so keine eigenen Strukturen vorhanden sind. Hinter Madame Sue Kyi  gibt es kein starkes Netzwerk. Und es ist kein Nachfolger in Sicht. Andere Oppositionsgruppen wie etwa die Führer der Studentenrevolte 1988 oder die Leader der buddhistischen Revolution 2008 sind auch - noch - nicht bereit sich parteipolitisch zu organisieren und für die Wahlen vorzubereiten. So sind die Leute noch sehr verunsichert, wie es nach den nächsten Wahlen mit der Demokratie weitergehen kann. Zumal die Strukturen der alten Machthaber natürlich noch tief im Land verwurzelt sind und rasch aktiviert werden können.

Auf Grund der Boykottmaßnahmen des Westens wurde Myanmar wirtschaftlich dem Osten "zugetrieben" In erster Linie China, aber auch Thailand, Indien, Japan und Singapur sind große Handelspartner. Das Land ist reich an fruchtbaren Böden in der Zentralebene längs des Irrawaddy. Die Landwirtschaft liefert alles von tropischen Früchten aus der Ebene bis zu Kaffee, Mais und sogar Wein aus den höheren Lagen. Ein Großteil wird auf abenteuerlichen Wegen in noch abenteuerlichen Fahrzeugen nordwärts nach China exportiert. Im Land bleibt nur die zweite Wahl.

   

 

Rohstoffe von Erdgas bis Edelsteine sind der langfristige Reichtum des Landes. Um all das relativ rasch exportieren zu können und Devisen in einige wenige (Auslands)konten zu schaufeln, bauen die Chinesen großzügig Verkehrswege besonders nach Norden. Auch um sich den Zugang zum Indischen Ozean und den mächtigen Gasfeldern im Golf von Bengalen zu sichern. Als Gebirgsland sollte es eigentlich keine Probleme mit der Stromerzeugung und -versorgung geben. Es wird allerdings soviel exportiert, dass sogar in der größten Stadt Yangon Strom nur stundenweise nach einem fixen Verteilungsplan an die Haushalte geliefert wird. Das sollte sich nun angesichts der zahlreichen internationalen Konzerne in der Stadt langsam ändern. Erste Demonstrationen der Einwohner für mehr Strom finden schon statt. Am Land sind die, die Elektrizität benötigen überhaupt auf Generatoren angewiesen. Hier wird der Fortschritt noch etwas länger auf sich warten lassen. Wie überhaupt die ländliche Bevölkerung teils noch unter ärmlichsten Verhältnissen lebt. Die Jugend strebt in die Zentren Yangon und Mandalay, die Siedlungen der Landlosen an den Stadträndern wachsen und werden von den Behörden über Nacht wieder geschliffen. Soziale Spannungen werden immer mehr zum Thema.

 

   

Der Besuch von Präsident Obama 2012 hat gezeigt was möglich ist. Die Straße vom Flughafen in die Stadt ist frisch vierspurig asphaltiert. Benzin ist nicht mehr rationiert. In der Stadt schießen die Tankstelle aus dem Boden. Trotz großer Erdölvorkommen kostet Treibstoff 1 Dollar pro Liter. Das ist für Landesverhältnisse extrem teuer weil auch hier immer noch der Großteil in den Export geht. Neben den allgegenwärtigen Reifenschustern an den Landstraßen stehen immer noch überall zumeist auf einem wackeligen Gestell Plastikflaschen mit Benzin, der mit Schlauch und Trichter abgefüllt wird. In den letzten beiden Jahren hat der Individualverkehr in den Städten derart zugenommen, dass oftmals ein Vorwärtskommen zu Fuß schneller geht als mit dem Auto. Mangelnde Verkehrserziehung und -disziplin führen zum täglichen Infarkt.

Wenn man vom Schwarzmarkt spricht, dann ist als besonders bemerkenswert das Geldwesen aufgefallen. Schecks und Kreditkarten wurden im ganzen Land bis vor kurzem nicht angenommen, weil es durch den Boykott offiziell keine Verbindung zu den Zentralen im Westen gab. Geldwechsel findet mittlerweile nur noch vereinzelt auf der Straße statt. Es werden immer noch landesweit nur neue, unbeschädigte Dollarnoten angenommen. Es ist dringend angeraten genügend druckfrische Scheine kleiner Stückelung mitzunehmen. Seit Anfang 2013 gibt es nun sogar den ATM - Bankomat, der ganz offiziell Kreditkarten annehmen und lokales Geld ausgibt. Mehr und mehr Bankfilialen tauchen in den Straßen der Stadt auf. Im September 2013 wurden die ersten international gültigen Kreditkarten ausgegeben. Geldtransaktionen via Western Union waren der Beginn. Neuerdings kann man auch mit westlichen Kreditkarten Hotels via Internet buchen und da sogar auch Geld offiziell wechseln. Das ist besonders für die Millionen Burmesen die im Ausland arbeiten von großer Bedeutung. So können sie nun ohne Umweg über Regierungsstellen Geld an ihre Familien überweisen. Alles Dinge, die vor 5 Jahren undenkbar schienen. Seit Herbst 2014 werden die ersten Lizenzen für ausländische Banken vergeben. Man erhofft sich dadurch mehr Wettbewerb im Finanzsektor. Vor allem aber sollen dadurch ausländische Investoren besser abgesichert werden.

Eine weitere, sensationelle weil so rasch durchgesetzte Veränderung ist der Kommunikationsmarkt. 2009 sollten wir noch das Handy bei der Einreise am Zoll abgeben und erst wieder bei der Ausreise zurückbekommen. Offiziell, weil es ohnehin nicht funktioniere. Inoffiziell, weil man nie wisse wie es um die Spionagemöglichkeiten stehe. Im Januar 2013 gibt es an jedem nur etwas "westlich" unterwandertem Ort WLAN. Und immer öfter sind Einheimische mit dem "cellphone" am Ohr unterwegs. Kostete die SIM-card 2012 noch 200 US$ so ist sie jetzt um 2 Dollar zu haben. Mit der Einführung privater Anbieter aus Norwegen und Qatar beginnt auch hier der Konkurrenzkampf. Und seit Februar 2013 kann man via WhatsApp, VIBER oder SKYPE mit Freunden im Ausland kommunizieren. 

Das fehlende Geld ist aber sicher noch länger auf Schritt und Tritt im öffentlichen Verkehr zu bemerken. Die Eisenbahn wurde anfangs des vorigen Jahrhunderts von den Engländer bis in die Gebirgsregionen des Nordens vorangetrieben. Antrieb waren militärische und wirtschaftliche Ziele. Seither wurde hauptsächlich in die militärische Absicherung investiert, nicht aber in den Komfort der Reisenden. Neuester Schrei auf der Rundlinie um Rangoon - ein Relikt aus englischen Zeiten und seither nicht mehr gewartet sondern nur benutzt - ist ein von Japan gespendeter Zug. Die Bahnlinie in den Norden Richtung der Hauptstadt Naypidaw und Richtung Mandalay wird von ausländischen Konsortien neu gebaut. Das soll dei Reisezeit von derzeit 15 Stunden auf weniger als die Hälfte reduzieren. 

Auch die Straßen sind in einem verheerenden Zustand. Sie scheinen seit dem Abzug der Engländer nicht mehr bearbeitet worden zu sein. Selbst die Hauptstraße Richtung China entspricht nach europäischem Standard maximal einer Landesstraße.

Reparaturen werden händisch meist von Frauen oder Zwangsarbeitern durchgeführt. Zuerst Schotter der Größe nach mit der Hand sortiert aufgelegt, dann mit einer Walze gepresst und am Ende mit flüssigem Teer, der am Straßenrand gekocht wird, aufgefüllt.

Unterwegs ist alles, was sich bewegt. Haustiere jeglicher Art und Größe, Radfahrer, Rikschas, undefinierbare Landwirtschaftsgeräte, Ochsenwagen, Lastwagen aller Größen und Altersklassen und mehr und mehr Privatwagen. Und alle bewegen sich gerade da, wo eben Platz ist. Und nachts mangels Ersatzteilen ohne Licht. Alle paar Kilometer ein liegengebliebenes Gefährt mit zahlreichen Hilfsbereiten und/oder Bewunderern rundherum. Reifenschuster dürfte die größte Berufsgruppe entlang der Hauptstraße sein. Und dazwischen vor den kleinsten Hütten Mineralwasserflaschen mit Benzin für den täglichen Bedarf. Wenn man es positiv sagen wollte: Service is our success - überall und rund um die Uhr.

    

    

Seit 2011 gibt es eine, von den Chinesen im Eilzugstempo errichtete Autobahn von Yangon in die neue Hauptstadt im Landesinneren. Mittlerweile hat sie sich als die größte Unfallquelle im Straßenverkehr etabliert. Die teils uralten Fahrzeuge mit den oft bis aufs Gewebe abgefahrenen Reifen können den hier möglichen Geschwindigkeiten ebenso nicht Stand halten wie die mangelnde Fahrpraxis vieler. Kreuzende Haus- und Wildtiere aller Größe sowie mehr als mangelhafte Beleuchtung der Autos in der Nacht tun ein übriges. Dazu sind nach nur 3 Jahren bereits Fahrbahnschäden wegen der mangelhaften Ausführung der Bauarbeiten zu bemerken. Bautrupps sind selten. An unfallträchten Orten werden Geister mittels buddhistischer oder schamanischer Riten zu besänftigen versucht.

Hier haben wir auch ein anderes Problem getroffen. Anhalter an der Autobahn. Wie sich herausgestellt hat waren es Lehrerinnen auf dem Weg zum Unterricht in diversen Dörfern. Sie sind auf Mitfahrgelegenheiten angewiesen. Finden sie die nicht, dann fällt der Unterricht aus. Dies deshalb, weil sie sich bei einem Monatslohn von 100 US$ ein Taxi nicht leisten können. Und Busverbindung gibt es in die abseits gelegenen Dörfer keine. Außerdem gehen Kinder am Land nur solange zur Schule bis sie lesen und schreiben können. Dann müssen sie daheim arbeiten. So ist hier ein weiteres Problem für die Entwicklung gegeben. Mangelnde Bildung wird am Arbeitsmarkt der neuen Wirtschaftsentwicklung große Probleme bereiten.

Der überwiegende Teil der Bevölkerung sind Buddhisten. Selbst die gefürchteten Generäle sind beinahe täglich beim Beten und Opfern in einem der unzähligen Klöster im Staatsfernsehen zu sehen. Diese Kombination von Diktatur der Militärs auf der einen und gelebtem Pazifismus der einfachen Bevölkerung auf der anderen Seite ist einzig und beeindruckend. Das Volk scheint mit Politik praktisch nichts zu tun zu haben. Die Menschen fügen sich, schweigen zu politischen Fragen und bewahren sich so ein Minimum an persönlicher Freiheit im kargen, täglichen Leben. Für uns Europäer scheint die allgemeine Stimmung im Land wesentlich entspannter als in den Ländern des früheren Ostblocks. Das kann aber an der für uns unzugänglichen Seele der Asiaten liegen. Fragen sollte man jedenfalls immer noch unterlassen. Man bekäme im schlimmsten Fall höchstens Probleme, im besten Fall ein Lächeln, aber kaum Antworten. Auch jetzt nicht nach der ersten vorsichtigen Öffnung. Dem sicherlich nicht aufgelösten Geheimdienstapparat wird man noch lange nicht trauen.

Der wird auch hinter vorgehaltener Hand dafür verantwortlich gemacht, dass es in letzter Zeit zu offiziell religiös begründeten Unruhen zwischen bis dahin friedlich nebeneinander lebenden Muslimen und Buddhisten gekommen ist. 

   

Entgegen der überall sichtbaren Armut der Bevölkerung ist die Spendenfreudigkeit gegenüber den religiösen Einrichtungen und Bedürftigen unglaublich. Keine kleine Statue am Wegrand, kein Altar, kein um  Almosen bittender Behinderter auf der Straße gehen leer aus. Ständig wandern kleine Scheine im Wert von wenigen Cent in Kassen und offene Hände. Besonders beliebt ist das Verzieren auch großer Heiligtümer mit unzähligen kleinen Briefchen von Blattgold. Der Buddhismus mit seinem Versprechen auf ein besseres Nachher wird hier täglich gelebt. Und auch die Obsorge für Tiere, weil sie sind nach ihrem Glauben früher Menschen gewesen und müssen nun in diesem Leben frühere Sünden tilgen. Der schwerste Lkw bremst oft, wenn ein unaufmerksamer Hund die Straße quert. Defensive ist das Lebensgebot.

Möglicherweise kommen sie alle schon im nächsten Leben dem Himmel sehr nahe. Wäre eine Anregung für viele hier. 

Wer bereit ist die Mühen des Reisens in einem armen Land in Kauf zu nehmen, der wird mit unglaublichem kulturellem Reichtum und mit unglaublicher Herzlichkeit der einfachen Bevölkerung bedankt.

Noch kann man es erleben bevor der Massentourismus und die westliche "Kolonisierung" voll einsetzen. Viel Zeit scheint nicht mehr zu sein. Lonely Planet hat Burma 2012 als Geheimtipp gelistet. Damit ist es mit dem "Geheim" wohl vorbei. Aktuell sind zum Beispiel die Hotelpreise seit 2011 um bis zum Dreifachen gestiegen. Die Zahl der Touristen hat sich seit 2010 mehr als verdreifacht. Hotelbetten sind (noch) Mangelware. Dementsprechend gibt es in Yangon City kein ansprechendes Zimmer unter 100$. Vergleichbare Qualität in Bangkok oder Kuala Lumpur kostet dort 30$. Der Eintritt in die Shwe Dagon Pagode kostet für Ausländer mittlerweile 20 US$. Die alte Königsstadt Bagen wird Weltkulturerbe. Die ortsansässigen Bauern werden abgesiedelt. Auch hier gibt es schon Eintritt nur noch um 20 US$. Und selbst bei einem Restaurant am See zahlt man am Parkplatz 2US$ Eintritt. Bei Mitnahme einer Kamera werden je nach Größe noch einmal 1 bis 3 US$ fällig. Rege Bautätigkeit besonders auf diesem Sektor dürfte aber diesen Preisanstieg bald wieder moderieren.

So dürfte es auch demnächst am Golf von Bengalen werden. Um da hinzukommen brauchte es bis vor kurzem wenig Geld, aber viel Sitzfleisch. 10 Euro für 180 km in 7 Stunden im lokalen Bus. Erste klimatisierte Busse sind aber auch schon speziell für Touristen unterwegs. Die sind aber nicht um dieses Schnäppchen zu haben. Der Flug mit der Air Asia von Bangkok nach Yangon ist billiger als die Autobusfahrt von da an den Strand am Indischen Ozean. Die ersten Pauschalangebote für Rundreise plus Badeurlaub in den Reiseprospekten sind schon da. Dann allerdings ist es mit der Ruhe endgültig vorbei.

Flugverbindungen werden schon ausgebaut. Bis dato aber in ähnlicher Qualität wie die Busse. Das wird sich aber im Zuge des allgemeinen Aufschwunges bald ändern. Die japanische Airline hat eine Kooperation mit einer lokalen Fluglinie begonnen. Der lokale Ableger von ThaiAirways fliegt von Norden Thailands ins Zentrum Burmas. Air Asia bedient seit Mitte 2013 Touristenzentren im Landesinneren von Thailand, Malaysia und Singapur. Yangon soll einen neuen Flughafen bekommen. Die Kapazität von 5 - 10 Millionen Passagieren reicht bald nicht mehr. Der neue Flughafen in Pegu, 70 km von Yangon entfernt, soll 30 - 50 Millionen bis zum Jahr 2020 bedienen. Einige Inlandsflugplätze werden ebenfalls auf den zu erwartenden Touristenstrom adaptiert. Mandalay und Bagan sind seit kurzem auf internationalen Standard aufgerüstet. Und die Küste wird auch flugtechnisch erschlossen. Hotelkomplexe gibt es bereits. Fünfsternekomfort incl. Frühstück gab es bis vor kurzem (2010) um 40.- Euro. Auch das ist schon Geschichte. In den letzten beiden Jahren stieg der Preis auf mindestens 250 US$ !!!

Das Land taumelt, wie es eine Dokumentation von ARTE formuliert, in die Moderne. Es wird am politischen Geschick aller liegen damit es eine Demokratie mit Frieden und Wohlstand für die Völker wird. 

   

Myanmar ist weit weg. Schwer zu erreichen. Aber mit keinem anderen Land zu vergleichen. Wie seine Bewohner.

Mingalaba und Dschesutebade - Hallo, wie geht´s und Danke vielmals. Und schon wird man mit einem Lächeln bedankt.

    

Schau´n Sie sich das an

(frei nach Karl Farkas)

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